Wort zum Monat Oktober/November 2018

Liebe Leserinnen und Leser,

Foto: Lotz (Gemeindebrief-Magazin für Öffentlichkeitsarbeit) Lutherrose auf einem Fußweg in Eisleben 

„Wie hältst Du’s mit der Religion?“ – die berühmte Gretchenfrage aus Goethes „Faust“. Ja, wie halten wir’s mit der Religion?
Ich würde sagen: Das kommt drauf an, nämlich darauf, was wir unter Religion verstehen. Hat Religion für uns etwas mit seltsamen Riten, mit Weltabgewandtheit und Träumerei zu tun, dann halten wohl die meisten von uns es nicht mit der Religion. Geht es aber darum, dass wir auf irgendetwas fest vertrauen wollen (Luther sagt: „woran du dein Herz hängst“), geht es darum, dass wir etwas suchen, das uns Halt gibt, dann halten wir es schon mit der Religion.
Das ist auch nicht verwunderlich. Es ist kein Zufall, dass es Religion in allen Kulturen und zu allen Zeiten gab und gibt. Wir Menschen können nicht einfach nur „da“ sein – und dann eben plötzlich nicht mehr. Wir suchen „festen Boden unter den Füssen“, einen Halt und eine Perspektive für unser Leben. Das hat nichts mit dem Jahrhundert zu tun, in dem wir leben, oder mit unserer Bildung, sondern das gehört zu unserem Menschsein. Die Frage ist nur: Wo finden wir diesen Halt? Worauf vertrauen wir?
Vor Martin Luther waren Gott und Welt eins. Das war das, was wir als „mittelalterlich“ bezeichnen: Die gesamte weltliche Ordnung war angeblich von Gott gewollt. Luther entgöttlicht diese Welt. Gott ist Gott und Welt ist Welt, d.h., um unser Leben in die- Wort zum Monat ser Welt zu meistern, hat Gott uns unsere Vernunft gegeben. Den Heiligen Geist brauchen wir dafür nicht.
Durch Gottes Geist aber erkennen wir, was wirklich trägt im Leben und im Sterben – und das ist nicht diese materielle Welt, die wir mit Hilfe unserer Vernunft erforschen sollen. Gottes Geist hilft uns, im Vertrauen darauf zu leben, dass wir von einer viel größeren Wirklichkeit umgeben sind und in der Hand Gottes sind und bleiben. Nicht diese Welt, sondern Gott ist Ursprung und Ziel unseres Lebens.
Ganz offensichtlich aber fällt uns das Vertrauen darauf sehr schwer. Gleichzeitig wollen wir einen Halt und eine Perspektive. Also tun wir das Nächstliegende: Wir setzen unser ganzes Vertrauen auf diese Welt, die wir kennen. Damit kehren wir (genau genommen) ins Mittelalter zurück, denn wir vergöttlichen diese Welt, wir erwarten von ihr, was wir nur von Gott geschenkt bekommen können: Halt, Perspektive und einen festen Grund für unser Leben.
Am 31. Oktober feiern wir den 501. Jahrestag der Reformation. Wie wäre es, wenn wir das zum Anlass nehmen, unser eigenes Leben zu reformieren? Worauf vertraue ich? Worauf will ich vertrauen? Halten wir einmal inne und ziehen Bilanz. Es könnte sich lohnen.
Ihr Pfarrer
Matthias Kunze

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