Weihnachtsoratorium im Advent und am Epiphaniastag

Die Kantaten I-III des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach sind traditionell am Sonnabend vor dem 3. Advent in der Martin-Luther-Kirche zu erleben. Die Kantaten IV-VI werden jedoch diesmal am Epiphaniastag, dem 6. Januar um 19.30 Uhr erklingen.

Bach komponierte diese drei Kantaten für den Neujahrstag (Fest der Beschneidung Christi, Kantate IV), für den Sonntag nach Neujahr (Kantate V) und zu Epiphanias (zum Fest der Erscheinung Christi, Kantate VI).

Die Weihnachtszeit erstreckt sich auf die Tage vom 1. Christtag bis zu Epiphanias (13 Tage). Der Bericht der Evangelisten Lukas und Matthäus über die Geburt Jesu und die anschließenden Ereignisse bis zur Anbetung der Weisen aus dem Morgenland bildet die „geistliche Historie“ die durch das ganze Weihnachtsoratorium führt.

Bach selbst hat seine weihnachtlichen Festkantaten mit dem Gattungstitel „Oratorium“ versehen. Er legte auf diese Bezeichnung besonderen Wert, hat er doch damit ausdrücken wollen, dass es sich um ein zusammenhängendes Werk handelt. Dennoch wurde das Werk damals vermutlich nie im Ganzen aufgeführt. Bach greift auf die Tradition des „mehrteiligen Oratoriums“ zurück. Die einzelnen Kantaten stehen in Beziehung zueinander, auch die Tonarten der sechs Teile sind aufeinander abgestimmt. Den Rahmen gibt die Tonart D-Dur in den Kantaten I, III und VI, die sich auch durch die festliche Besetzung mit Trompeten besonders hervorheben.

Die Tonarten der Kantaten II und V sind mit der Haupttonart verwandt (G-Dur und A-Dur), einen Kontrast bietet die Kantate IV mit der Tonart F-Dur und der Besetzung durch Hörner. Hier wird die enge Beziehung zwischen Komposition und Text deutlich, denn das Fest der Beschneidung (der Namensgebung) Jesu kann wohl auch als Vorausschau auf die Passion gedeutet werden. Wir hören keinen überschwänglichen Jubel und keine Hirtenmelodien.

Der verhaltene, festliche Klang der Hörner unterstützt die Sonderstellung dieser vierten Kantate auch musikalisch. Der Name Jesu soll die Gläubigen auch im Leid begleiten.

Eine besonders tragende Bedeutung kommt den Chorälen zu. Insgesamt 15 Choralstrophen sind innerhalb der sechs Kantaten verarbeitet und stehen in Beziehung zueinander. Der Schlusschoral des Weihnachtsoratoriums „Nun seid ihr wohlgerochen“ bezieht sich auf den Eingangchoral „Wie soll ich dich empfangen“ in der ersten Kantate. Die harmonische Entwicklung ist bedeutungsvoll. Steht der Choral zu Beginn in der alten phrygischen Kirchentonart e und ist sehr verhalten und erwartend im Ausdruck, so entwickelt sich die Tonart des Chorals zum Ende des Oratoriums in ein strahlendes D-Dur. Der Choral wird kunstvoll in ein Trompetenkonzert hineingewoben und soll demnach auch die Erfüllung der im ersten Choral geäußerten Erwartung verkünden. Wir werden uns kaum mehr in die Zeit Bachs hineinversetzen können, als die sechs Kantaten in ihrem Spannungsbogen über einen Zeitraum von 13 Tagen als zusammenhängendes Werk empfunden werden konnten. Vielleicht können wir mit unseren heutigen Hörgewohnheiten das Werk leichter erfahren, wenn wir die Musik als Ganzes auf uns wirken lassen. So seien Sie eingeladen, das Weihnachtoratorium in nunmehr zwei Teilen, am 16. Dezember und am 6. Januar, in der Martin-Luther-Kirche zu erleben. Elke Voigt

Zurück