Aus der Geschichte der St. Pauli-Kirche
Die St. Pauli-Kirchruine ist eine der wenigen Kirchen, die nach dem zweiten Weltkrieg weder abgerissen noch wieder aufgebaut wurden. Sie ist heute ein Zeugnis für das unsagbare Leid und die Zerstörungen, die der Krieg den Menschen – auch in unserer Stadt – gebracht hat.
Die St. Pauli-Kirchgemeinde ist zusammen mit der St. Petri- und der Martin-Luther-Kirchgemeinde Ende des 19. Jahrhunderts aus der Dreikönigskirchgemeinde ausgegliedert worden, nachdem die Gemeinde im Zuge der Industrialisierung stark gewachsen war. Während beispielsweise auf dem Stadtplan von Dresden aus dem Jahr 1845 im Bereich der heutigen St. Pauli-Gemeinde nur Spuren einer Ansiedlung mit elf zerstreut liegenden Häusern erkennbar sind, kann man auf dem von 1862 schon einen richtigen Stadtteil mit einer ganzen Reihe der heute bekannten Straßen finden. Es handelt sich um die sogenannte Oppell-Vorstadt, benannt nach dem Geh. Regierungsrat und Dresdner Polizeidirektor Hans Ludwig von Oppell, dem Besitzer des ehemals unbebauten Areals. Seit 1867 fanden im „Wilhelm-Stift“ auf der Königsbrücker Straße Gottesdienste satt. 1875 zählte man in der Oppell-Vorstadt 6.882 evangelische Bewohner. Inzwischen gab es regelmäßige Gottesdienste im Saal der neuen Schule am Königsbrücker Platz. Ende 1880 wurde ein eigener Kirchenvorstand gewählt und am 2. Weihnachtsfeiertag im Schulsaal durch den Superintendenten D. Franz eingesetzt und verpflichtet. Die Gemeinde erhielt ihre Selbständigkeit. 1881 wurde der erste Pfarrer in sein Amt eingeführt. 1886 wurde aufgrund des ständigen Zuwachses der Gemeinde und zusätzlicher Seelsorgeaufgaben in der Städtischen Arbeitsanstalt auf Anregung des Stadtrates eine zweite Pfarrstelle geschaffen. 1895 wurde eine dritte Pfarrstelle eingerichtet, nachdem die Gemeindegliederzahl inzwischen auf 17.187 angewachsen war. Im Jahr 1900 waren es über 20.000. Es entfaltete sich ein reiches Gemeindeleben mit Jünglingsverein, Jungfrauenverein, Großmütterchenverein, Bibelstunde und einem Kindergottesdienst mit über 800 Kindern. Außerdem gab es eine rege diakonische Arbeit. Im 1899 errichteten Pfarrhaus wohnten unter anderem zwei Diakonissen, die die Gemeindeglieder bei der Krankenpflege unterstützten.
Auf der Suche nach einem geeigneten Bauplatz für ein neues Kirchengebäude wurden am Königsbrücker Platz zwei Gebäude aufgekauft und abgetragen, so dass am 28. März 1889 der erste Spatenstich für die neue Kirche erfolgen konnte. Am 31. Mai, einem herrlichen Frühlingstag, erfolgte unter reger Beteiligung der Gemeinde und mit vielen Ehrengästen, wie z.B. dem Kultusminister Dr. Gerber und dem Präsidenten des Landes-Konsistoriums von Zahn, die Grundsteinlegung der neuen Kirche mit den drei Paulusworten Röm.11,36, 1.Kor.3,11 und 1.Thess.4,1. Am 27. November desselben Jahres war bereits Richtfest und am 4. Februar 1891 wurde die „wie aus einem Guß entstandene prächtige Kirche“ unter dem Pauluswort 1.Tim.1,15 durch Konsistorialrat D. Dibelius geweiht. Der damalige erste Pfarrer Otto Wolf hielt die Festpredigt über Eph.2,19ff: „Unsere ganze Gemeinde mag ein lebendiger Gottesbau werden!“
Das harmonische, frühgotischen Formen nachempfundene Kirchengebäude des Dresdner Architekten Christian Schramm war eine dreischiffige Hallenkirche mit breitem Mittelschiff und schmalen Seitenschiffen mit Empore, das rund 1.000 Personen Platz bot. Das Kreuzrippengewölbe erreichte eine Höhe von 19 Metern. Der Turm war 78 Meter hoch. Am Turmportal grüßten die Statuen von Jesaja und Paulus, über der Eingangstür die Heilandsgestalt die Eintretenden. Außer dem durch eine mächtige Freitreppe und eine dreiteilige Vorhalle gebildeten Haupteingang an der Fichtenstraße gab es noch weitere Eingänge durch die Turmvorhalle und die beiden Sakristeien. Im geräumigen Turmzimmer wurden Gottesdienste für die konfirmierte Jugend gehalten. Im Inneren war die Kirche „sinnig und stimmungsvoll ausgemalt“ und wirkte mit den sechs mächtigen Granitsäulen „durchaus einheitlich und wahrhaft erhebend“. Drei Altarfenster, von Urban in Dresden nach Kartons von Prof. A. Dietrich gefertigt, stellten Christus als Prophet predigend und heilend, als Priester betend und opfernd und als König siegend und mit Herrlichkeit gekrönt dar. Die große Orgelrosette zeigte musizierende und singende Engel. Die Orgel selbst war ein Werk der Gebrüder Jehmlich mit 40 klingenden Stimmen. An den Seiten des Triumphbogens am Beginn des Altarraumes waren die Apostel Paulus und Johannes mit ihren Kernsprüchen Röm.3,28 und Joh.3,16 dargestellt. Der Altar und der Unterbau der Kanzel waren aus Granit, die Kirchenbänke aus schlesischem Kiefern- bzw. Eichenholz gefertigt. Die Rückwand des Altars bildete einen gotischen Aufbau mit reichem Schnitzwerk, der in ein mächtiges Kreuz mit dem Gekreuzigten auslief. In der Mitte war das Gotteslamm zu sehen. Teile dieser Altarwand konnten vor der Zerstörung gerettet werden und befinden sich jetzt im Gottesdienstsaal in der Fichtenstraße 2.
Während der Bombenangriffe auf Dresden am Ende des zweiten Weltkrieges bekam die Kirche mehrere Treffer. Zunächst wurde während eines Luftangriffes am 16. Januar 1945 der Turm getroffen und beschädigt, so dass er teilweise gesprengt werden mußte. Die Angriffe im Februar überstand die Kirche unbeschadet. Jedoch wurde sie am 2. März wiederum getroffen und brannte aus. Nur der Rest des Turmes und die Außenmauern blieben erhalten. In den 60er Jahren wurde die baufällige Ruine durch Glieder der St. Pauli-Kirchgemeinde enttrümmert. Mit Städtebau-Fördermitteln erfolgte 1996/97 die Sicherung und Teilsanierung der Ruine durch die Stadtentwicklungs- und -sanierungsgesellschaft Dresden mbH (STESAD), mit der seit dieser Zeit ein Pachtvertrag besteht. 1999 wurde der gemeinnützige Verein Theaterruine St. Pauli e.V. gegründet, um die Ruine als Veranstaltungsort für Theater und Konzerte zu entwickeln. Es gibt Überlegungen zum weiteren Ausbau des Gebäudes.
Die St. Pauli-Gemeinde war nach dem Verlust ihrer Kirche immer wieder auf der Suche nach einem Versammlungsort. Zunächst fand die Gemeinde im evangelischen Teil der Garnisonskirche eine Heimat, später im gemeindeeigenen Gebäude in der Eberswalder Str.10. 1993 wurden die Räume im Erdgeschoß des Pfarrhauses in der Fichtenstraße 2 zu einem kleinen Gemeindezentrum umgebaut. Seitdem ist die Gemeinde hier zu Hause und feiert sonntags 9.30 Uhr Gottesdienst. So sehr sich das Leben der St. Pauli-Gemeinde im Laufe der Jahre auch verändert haben mag, so sehr gilt doch auch heute der Leitsatz von der Einweihung der St. Pauli-Kirche: „Unsere ganze Gemeinde mag ein lebendiger Gottesbau werden.“